»I can’t breathe«

Ein unsterbliches Werk zu schaffen ist sicherlich ein Traum der Kunstschaffende vereint. Doch wenn der Inhalt eines Werkes ein soziales Konfliktthema wie Rassismus berührt, dann ist immerwährende Aktualität bestimmt nichts, was man seinem Werk wünscht. Mit den Ereignissen in den USA hat die 2015 entstandene Komposition »I can’t breathe« von Georg Friedrich Haas nun erneut eine bestürzende Aktualität erlangt. Die Komposition entstand in Gedenken an Eric Garner, der im Jahr 2014 an den Folgen polizeilicher Gewalt starb. Der Komponist schreibt in der Einführung zu seinem Werk: »Wäre meine Hautfarbe schwarz, müsste ich mich mehr vor der Polizei als vor Kriminellen fürchten«. Mit dem Werk solidarisierte sich Haas mit der Black Lives Matter Bewegung. Nun führen die jüngsten Vorfälle, die Morde an George Floyd und Rayshard Brooks, erneut schmerzhaft vor Augen, wie tief Rassismus in der amerikanischen, aber auch in unserer Gesellschaft verankert ist.

Dazu äußerte sich auch die Autorin und Publizistin Carolin Emcke am 28. Mai 2020 in der Süddeutschen Zeitung mit den Worten: »Es ist eine quälende Wiederholung«. Emcke wurde 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Besonders bekannt ist ihr Essay »Gegen den Hass«, in dem sie sich zu Rassismus, Fanatismus und Demokratiefeindlichkeit äußert. 

Am 26. und 27. Juni 2020, jeweils um 19:00 Uhr, wird im Ehrenhof des Residenzschlosses eine Performance mit Marco Blaauw (Solo-Trompete) und Edivaldo Ernesto (Tanz) im Gedenken an Eric Garner und George Floyd stattfinden. In Verbindung mit dieser Performance möchten wir Emckes Text mit euch teilen.

»I can’t breathe«
– Eric Garner, 2014, George Floyd, 2020 –

Es ist alles wie ein grauenhaftes »re-enactment«, eine quälende Wiederholung, die jene Wunde wieder aufreißt, die in Wahrheit nie hätte zuwachsen dürfen. Was hatten wir, die wir weiß sind, denn gedacht? Dass es aufhören würde von allein? Was hatten wir, zu deren Alltag nicht die permanente Angst vor Polizeigewalt gehört, denn gehofft? Dass es sich vergessen ließe, weil wir verschont werden? Weil wir keine schwarzen Körper haben, die rassifiziert werden, die ausgeblendet oder dämonisiert, die missachtet und gegängelt, geschlagen oder getötet werden. Das ist das alte Paradox: dass die rassistisch projizierte Angst vor dem schwarzen Körper gesellschaftlich anerkannt und ständig reproduziert wird, aber die begründete Angst der so stigmatisierten Schwarzen vor weißer Polizeigewalt im toten Winkel eben dieses Rassismus bleibt.

»Die Zerstörer sind nicht beispiellos böse,« schrieb Ta-Nehisi Coates in »Zwischen mir und der Welt«, »sondern schlicht Menschen, die die Launen unseres Landes umsetzen, die sein Erbe und sein Vermächtnis richtig deuten, bis heute.«

»I can’t breathe«, die Worte, die George Floyd am Montag dieser Woche in Minneapolis herauspresst, sind dieselben Worte, die Eric Garner im Juli 2014 sprach, »I can’t breathe«, nicht nur einmal oder zwei Mal, elfmal brach es aus dem asthmakranken Garner hervor, bevor er für immer verstummte. Die Worte wurden aufgehoben, zitiert, die Worte »I can’t breathe« wurden zum Code eines Traumas, das sich nicht auf eine vergangene, sondern eine sich stetig erneuernde Erfahrung bezieht, ein Trauma, das mit dem identischen Zitat, sechs Jahre später, wieder getriggert ist: George Floyd sagt »I can’t breathe«, ich kann nicht atmen, (das erste Mal bei Minute 0:20 des zehnminütigen Videos, das sich nur anschauen sollte, wer sich immer noch nicht vorstellen kann, wie am helllichten Tag ein wehrloser Mensch, mit Handschellen auf dem Rücken, ohne jede Heimlichkeit und ohne jede Hemmung, getötet wird) als er auf der Straße liegt, das Knie eines Polizisten mit seinem ganzen Gewicht im Nacken, »please«, Floyd stöhnt und wimmert, aber der Polizist ändert nichts an seiner Haltung, er hockt weiter auf dem eingezwängten Körper, nach einer Minute wiederholt Floyd seine Verzweiflung, »I can’t breathe«, ein Polizist, der durch den Polizeiwagen verdeckt ist, aber vermutlich ebenfalls an oder auf dem arrestierten Floyd sitzt, sagt: »What do you want?«, was willst Du?, noch einmal, es ist 1:06, sagt Floyd »I can’t breathe«, aber nichts geschieht, stattdessen wird Floyd (soll das ein Witz sein?) aufgefordert, in den Wagen zu steigen, »Das werde ich«, antwortet Floyd und fügt hinzu (als wäre das nicht offensichtlich), »aber ich kann mich nicht bewegen«.

Es ist auf dem Video nicht zu sehen, was der Situation vorausgegangen ist, warum die Polizisten überhaupt Floyd gestellt haben, ob er sich vorher geweigert hatte, in das Auto zu steigen, oder ob nichts dergleichen vorher geschehen ist, weder die eine noch die andere Vorgeschichte lässt sich anhand dieser Aufnahme belegen. Es sammeln sich immer mehr Passanten, die intervenieren, »Sie haben ihn doch am Boden, lassen Sie ihn atmen«, keine Reaktion, ein Beamter steht auf der Straße und schirmt seine Kollegen am Wagen ab, aber auch er ist nicht allzu sehr bemüht, die grausame Szene zu verbergen, »Er blutet aus der Nase, lassen Sie ihn« (2:00), Floyd bringt noch mehrfach dieselben Worte hervor, »I can’t breathe«, aber nichts geschieht, die Passanten fordern die Polizei auf, ihn doch endlich aufzuheben und in den Polizeiwagen zu setzen, nichts geschieht, derselbe Beamte drückt weiter mit dem Knie in den Nacken, die Kamera wandert etwas um einen der Polizisten herum, um einen besseren Fokus auf Floyd zu bekommen, und da erst fällt es mir auf: der Beamte, der auf Floyd sitzt, hat die Hand in der Hosentasche, er sitzt da, ganz offensichtlich bequem und entspannt, als wäre er bloß Zuschauer bei dem Mord, den er selber gerade begeht, es gibt keinen Kampf, keine Gegenwehr, nichts, was seine beiden Hände erforderte, es reicht anscheinend, einen mit Handschellen gefesselten Mann am Boden die Luft abzudrücken.

Irgendwann (um Minute 4:20 des Videos) bewegt sich Floyd nicht mehr, er hat offensichtlich das Bewusstsein verloren, aber auch das ändert nichts, die Passanten drängen und rufen, »Fühlen Sie seinen Puls«, nichts geschieht, noch immer bleibt das Knie im Nacken, Minuten vergehen, in denen immer wieder versucht wird, um medizinische Hilfe zu bitten, nichts, als schließlich ein Rettungswagen eintrifft und ein Sanitäter dem bewusstlosen Floyd den Puls fühlen will (die Szene ist nicht gut zu erkennen), löst anscheinend niemand die Handschellen, als zuletzt der Körper auf die Bahre gehoben und abtransportiert wird, sind die Arme von George Floyd noch auf den Rücken gezwungen.

»Es ist so leicht, den Schmerz des Anderen zu übersehen«, schrieb die Philosophin Elaine Scarry in »Das schwierige Bild des Anderen«, »dass wir sogar fähig sind, ihm diesen Schmerz zuzufügen oder ihn zu verstärken, ohne dass uns dies berührte.«

Ich wünschte, das wäre so. Ich wünschte, der Schmerz würde nur übersehen. Beim Betrachten dieses Videos des Polizisten, der George Floyd mit der Hand in der Hosentasche ersticken lässt, drängt sich etwas anderes auf: Das sieht nicht nach ahnungslosem Übersehen, sondern nach lustvollem Zuschauen aus.

Nachts erreicht mich die E-Mail von meinem Freund Paul, der in St.Paul/Minneapolis lebt, ich habe zufälligerweise zwei wirklich enge Freund*innen in Minneapolis, beide weiß, Paul schreibt, am Montag, am Tag des Todes von George Floyd, sei es für ihn nur um seine afroamerikanischen, männlichen Freunde gegangen, »ich habe Stunden damit verbracht, zuzuhören, zu sprechen, zu lesen von der Wut, dem Schmerz, der Verzweiflung schwarzer Freunde«. Die meisten fühlten sich vor allem taub. Dieser Mord ließ alle ihre eigenen schrecklichen Erfahrungen mit der Polizei wiederaufleben. »Alle Schwarzen in meinem Freundeskreis«, schreibt Paul, und das heißt bei ihm, eher sehr gebildete, erfolgreiche Personen, »jeder einzelne von ihnen hat eine ganze Liste horrender Geschichten über das Gehen-als-Schwarze, das Autofahren-als-Schwarze, das Leben-als-Schwarze.«

Seither ist die Stadt von Protesten und Plünderungen erschüttert, jede Nacht werden Geschäfte zerstört, in der Nachbarschaft des 3rd Precinct brannte es in verschiedenen Straßenblöcken. »Plündern ist natürlich falsch«, schreibt Paul, »und die eigenen Nachbarschaften zu verwüsten, ist schrecklich selbstzerstörerisch – aber es ist leider auch so schrecklich nachvollziehbar«.

Paul und sein Mann sind die letzten Tage vor allem drinnen geblieben, nicht ungewöhnlich, weil sowieso seit Wochen der pandemische Ausnahmezustand gilt, ein wenig könnte der Ausbruch an gewalttätigen Protesten auch dadurch noch einmal extra aufgeladen sein, vermutet Paul, dass alle die ganze Zeit eingeschlossen waren. Der Zorn rückt langsam näher: Ein paar Blocks entfernt, kam es wohl zu Plünderungen, aber »es gibt diese merkwürdige Trennung zwischen dem, was wir wissen was geschieht, und dem, was wir tatsächlich sehen«. Inzwischen stehen Teile der Nachbarschaft des 3rd Precinct in Flammen, und Paul schreibt, nachdem er zuerst vor allem niedergeschlagen und verzweifelt gewesen sei über den soundsovielten Mord eines schwarzen Mannes durch die Polizei, sei er jetzt vor allem beängstigt, wie die nationale (Über-)Reaktion auf die Aufstände ausfallen könnte.

Eine besonders gespenstische Geschichte erzählt die andere Freundin aus Minneapolis, in einer Abfolge von E-Mails berichtet sie zunächst von der Trauer über all die zerstörten und ausgebrannten Lebensmittelgeschäfte, die für viele in der Nachbarschaft die Bezugsquellen für Essen und Medizin seien, »Wohin werden die Menschen jetzt gehen? Noch dazu in einer Pandemie?«, und dann fügt sie hinzu, »es scheint, dass ein weißer Polizist aus St. Paul, in schwarzer Montur mit einer Gasmaske über dem Gesicht den gestrigen Vandalismus selbst begonnen hat«, das klingt wie aus einem Film, aber was klingt zur Zeit nicht wie aus einem Film? Ein junger Mann habe die sonderbare Figur, die die Schaufenster eines Autoteile-Ladens zertrümmerte, dann zur Rede gestellt, sie schreibt »das hätte ich mir nicht vorstellen können, was viel sagt, über meine eingeschränkte Perspektive«, aber es gäbe ein Video von der ganzen Sequenz. Ein paar E-Mails später hat ihr Mann mir den Link geschickt, auf Twitter kursiert mittlerweile nicht nur diese Aufnahme, auf der zu sehen ist, wie ein Mann in schwarzer Kluft, mit einer Gasmaske (und außerdem, etwas ungewöhnlich für einen gewöhnlichen Plünderer: mit einem schwarzen Regenschirm), die Frontscheiben des Geschäfts einschlägt, sondern auch wie ein Mann ihn anspricht und sogar fragt: »Are you a f…..cop?« Mittlerweile soll der mutmaßliche Anstifter identifiziert sein, ein Name kursiert, es sind verschiedene Bilder nebeneinander gestellt des Polizisten ohne und mit Maske, eine Ex-Frau ist sich sicher, den Beamten zu erkennen. Das lässt sich alles nicht auf die Ferne und über Twitter verifizieren, aber es ist gewiss nichts, was zur Beruhigung des Zorns beiträgt.

Vor einigen Jahren habe ich über Eric Garner geschrieben. Es ist ein ganzes Kapitel in »Gegen den Hass«. Je länger ich mich damals mit der Geschichte seines Todes beschäftigte, mit der rassistischen Gewalt, dem Blick auf schwarze Körper, je öfter ich mir das Video anschaute, das damals jemand von der ganzen schrecklichen Szene drehte, desto mehr wünschte ich, Eric Garner würde nicht nur für diese Worte des Sterbenden erinnert werden, dieses »I can’t breathe«, diese Worte, die ihn immer als das Opfer, das mit einem Würgegriff erstickt wurde, identifizieren. Ich schrieb damals, dass ich ihn als jemand anderen beschreiben wollte, als den Eric Garner, der, bevor die Beamten ihn angreifen, sagt: »It stops today«, das muss aufhören. Der Eric Garner, der es einfach nicht mehr aushält, wieder und wieder kontrolliert und verhaftet zu werden, der seine Rolle in diesem ungerechten Spektakel nicht mehr akzeptieren will, die Rolle eines Schwarzen, der es demütig hinnehmen soll, erniedrigt zu werden. »Das muss aufhören«, das meint eben diesen rassifizierenden Blick, der unsichtbar macht oder monströs, der Menschen wie Eric Garner oder George Floyd immer noch als »Gefahr« behaupten lässt, obgleich sie schon bewusstlos und in Handschellen am Boden liegen.

Ich hoffe sehr, dass die Proteste nicht die ursprüngliche Gewalt überlagern, ich hoffe, dass es noch andere Worte sein werden, die über George Floyd geschrieben und zitiert werden, und ich hoffe, dass es aufhört.

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