Horst Köhler übernimmt die Schirmherrschaft der Schlossfestspiele 2020 und 2021

Dieses Jahr wären wir ganz im Zeichen des 75. Jubiläums des Kriegsendes und der Gründung der Vereinten Nationen in unsere Festspielsaison gestartet. Hinsichtlich unserer Auseinandersetzung mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen als globale Agenda 2030 schloss sich ein Kreis. Der Grund: die »Sustainable Development Goals« wurden aktiv von einem Ehrenbürger der Stadt Ludwigsburg, von Bundespräsident a.D. Horst Köhler, auf den Weg gebracht, der gemeinsam mit seiner Frau Eva Luise Köhler bereits für das Festspieljahr 2020 die Schirmherrschaft übernommen hatte – und uns dieser Tage auch seine Schirmherrschaft für die Saison 2021 zugesichert hat. Darüber freuen wir uns sehr!
In diesem Sinne hat Horst Köhler ein Geleitwort für uns verfasst, das wir gerne mit euch teilen möchten. Darin spricht er unter anderem über Verantwortung, Transformation und die Künste als Katalysatoren für Veränderung.

Geleitwort von Bundespräsident a.D. Horst Köhler

»Ludwigsburg ist die Stadt, die mir einst eine erste Ahnung gab von unserer Verantwortung für etwas Größeres als unser einzelnes Leben. Ich erinnere mich noch gut, mit welcher Begeisterung ich 1962 – da war ich 19 Jahre alt – Charles de Gaulle vor dem Ludwigsburger Schloss zuhörte, wie er uns, die deutsche Jugend, aufrief, für ein friedliches Europa und eine Welt ohne Hunger und Not einzustehen. Und darum bin ich froh und auch ein wenig stolz, dass sich die Ludwigsburger Schlossfestspiele künftig entschlossen in den Rahmen der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen stellen – und sich so auch mit der großen Zukunftsfrage der Menschheit verbinden:
Gelingt es, das Zusammenleben in der Welt so zu gestalten, dass allen Menschen ein Leben in Würde möglich wird, ohne dabei den Planeten zu zerstören? Das ist die Menschheitsaufgabe im 21. Jahrhundert. Sie verlangt eine neue große Transformation von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Die gute Nachricht ist: Der globalen politischen Rahmen für eine solche Transformation existiert. Es ist die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, beschlossen von den Staats- und Regierungschefs der Welt im Jahr 2015. In 17 Zielen formuliert diese Agenda praktische und messbare Fortschritte für die Menschen und den Planeten, ›for people, planet, prosperity, peace and partnership‹. Sie ist kein Aufholprogramm für Entwicklungsländer, sondern eine Transformationsagenda für alle Staaten. Sie benennt Veränderungsbedarf im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. Also auch bei uns. Insbesondere unsere Produktions- und Konsummuster müssen sich ändern, die Art und Weise, wie wir Energie produzieren, wie wir unser Land bewirtschaften, uns ernähren, uns fortbewegen.
Für diese große Transformation gibt es keinen Masterplan. Sie ist vielmehr ein großer gemeinsamer Lern- und Suchprozess auf allen Ebenen menschlichen Zusammenlebens. Und gelingen kann sie nur dann, wenn es auch ganz viele kleine Veränderungen von unten gibt: in den Familien, Vereinen, Kirchengemeinden, Dörfern und Städten. Jeder kann etwas beitragen – ob als mittelständischer Unternehmer oder als Lokalpolitikerin, als Schülerin oder als Rentner. Wir müssen überall ausprobieren und verwerfen, experimentieren und scheitern, weitermachen und neu beginnen. Und voneinander lernen!
Kunst und Kultur können dabei inspirieren. Experiment und Offenheit sind ihr Lebenselixier. Sie können Katalysatoren der Veränderung sein, für eine neue Balance zwischen dem Ökologischen und dem Sozialen, dem Globalen und dem Lokalen. Sie können Verdrängtes aufdecken und Widersprüche sichtbar machen, das Beste in uns anrühren und uns zum Träumen bringen. Ich freue mich, dass die Ludwigsburger Schlossfestspiele mit künstlerischen Zukunftsvisionen dazu beizutragen wollen.
Hoffnung macht mir, dass ich immer mehr Menschen begegne, die in der Transformation eine Chance sehen; die sagen: Ja, wir werden Abschied nehmen müssen von manchen liebgewonnenen Alltagsbequemlichkeiten und Konsumgewohnheiten. Aber wir gewinnen auch, wenn wir uns darauf besinnen, was wirklich Sinn und Glück stiftet. Wer von Haben auf Sein umschaltet, von Alleinbesitzen auf Mitbenutzen, von Zweitwagen auf Erstfahrrad, der erlebt die Veränderung oft als Entlastung, als Befreiung, als Gewinn von Muße statt als Einbuße, als inneres Wachstum, das vielleicht nicht das Bruttosozialprodukt steigert, aber ganz gewiss das Bruttowohlfühlprodukt. Und sind nicht die wichtigen Dinge im Leben – Liebe, Freundschaft, Zeit für sich und andere – weitgehend CO2-neutral?
Hoffnung gibt mir auch die Jugend. Wie oft ist unsere Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen in mahnenden Reden beschworen worden! Nun sind sie auf einmal tatsächlich da, die jungen Leute. Sie sind keine Metapher mehr. Millionen von Jugendlichen gehen etwa an den ›Fridays for Future‹ rund um die Welt auf die Straße, weil sie ihre Zukunft bedroht sehen von etwas, wozu sie nicht beigetragen haben. Sie fürchten zu Recht, dass ihnen die Freiheitgrade der Eltern-Generation nicht mehr offen stehen werden. Sie wollen etwas sehr Konservatives: die Bewahrung der Schöpfung.
Ich freue mich über diese Entwicklung. Da wächst eine Kraft heran, die Veränderungen möglich macht. Und die neue Große Transformation wird große Veränderungsbereitschaft erfordern, da müssen wir ehrlich sein. Aber ich bin mir auch sicher: Wir sind schon mitten drin in der Transformation, und die meisten der Ideen und Prozesse, die wir dafür brauchen, sind schon in der Welt!
Fürchten müssen wir weniger den Wandel als vielmehr die Zögerlichkeit oder gar den Unwillen, ihn zu gestalten. Mögen die Ludwigsburger Schlossfestspiele und seine Besucherinnen und Besucher ihren Teil zum Wandel beitragen!«

Bundespräsident a.D. Horst Köhler

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