Hiwa K im Interview mit MONOPOL

»Ich habe nicht viel mit der Kunst zu tun, ehrlich gesagt. Ich habe nur meine Geschichten, Geschichten von meiner Familie. Ich übersetze sie jedes Mal in Material und Leute nennen das Kunst«, sagt Hiwa K. Der im nordirakischen Kurdistan geborene Installationskünstler greift in seinen Arbeiten auf persönliche, existentielle Erfahrungen zurück und thematisiert in Performances, Installationen und Videoarbeiten die politische Unterdrückung in seiner Heimat, seine Migrationsgeschichte und seine Jahre in Deutschland. Für »The Bell Project«, das auch in Ludwigsburg zu erleben sein sollte, ließ er aus Munitionsüberresten der drei Golfkriege in der italienischen Stadt Cremona eine Glocke gießen, die mit Tierfiguren der assyrischen Tradition verziert ist. Der Wahlberliner lebt seit 1999 in Deutschland. 2019 erhielt er den Hector Preis der Kunsthalle Mannheim. Seine Werke waren u.a. auf der Documenta 14, der Biennale in Venedig und im New Yorker MoMA zu sehen. Im Interview mit der Zeitschrift MONOPOL vom Juli 2019 legt er dar, warum politische Kunst seiner Meinung nach nicht genug bewegt und weshalb er die Zukunft vor allem in der Stärkung der Gemeinschaft sieht.

Hiwa K: »The Bell Project«

Interview mit Hiwa K
»Ich bin ein gescheiterter politischer Künstler«

Die Welt ist kaputt, und die Kunst kann nichts außer reden und elitäre Egos füttern. Im Interview rechnet der Berliner Künstler Hiwa K mit der Kulturszene ab. Und erklärt, warum er trotzdem noch eine Ausstellung macht.

Eigentlich wollte man mit Hiwa K an diesem heißen Sommermontag über seine neue Ausstellung in Mannheim reden. Über die Dringlichkeit und Präzision seiner Arbeiten, die ihn zu einem der Lieblingskünstler auf der Documenta 14 gemacht haben, und über die Selbstverständlichkeit, mit der der gebürtige Iraker und Wahlberliner Verbindungen zwischen Deutschland und den vermeintlich »fremden« Flüchtlingen schafft.

Aber schnell wird klar, dass Hiwa K über etwas anderes sprechen will: den politischen Ausnahmezustand der Welt und die Unfähigkeit der Kunst, darauf zu reagieren. Schließlich werden in so vielen Ländern die Populisten gehört. Und eben nicht die Künstler. Über seine kommende Ausstellung spricht er mit zwiespältigen Gefühlen. Zuerst nennt er sie »a funeral«, ein Begräbnis seiner Kunst, aber das kommt ihm dann doch nicht richtig vor. Er will in eine neue Phase seiner Arbeit eintreten, die die rein symbolische Selbstvergewisserung des Kunstbetriebs überwindet. Wie diese aussehen könnte und warum der Künstler mit dem Verschwinden der öffentlichen Figur Hiwa K durchaus einverstanden wäre, erzählt er im Interview.

Hiwa K, durch Ihre Kunst wissen Sie oft mehr über mittelberühmte deutsche Städte als die Einwohner selbst. Was hat Sie an Mannheim interessiert?
Mich hat die Verbindung zu Kurdistan über die Chemie-Industrie beschäftigt. Als Saddam Hussein die Kurden 1988 angegriffen hat, benutzte er Chemiewaffen, die nach Apfel gerochen haben. Darum geht es auch in meiner Arbeit »This Lemon Tastes of Apple« von 2011. Mannheim und Ludwigshafen waren im Zweiten Weltkrieg wiederum Ziele von Luftangriffen, weil hier große Chemie-Unternehmen ihre Fabriken hatten. Ich gehe in der Ausstellung nur indirekt darauf ein, aber ich erinnere Städte gern an ihre Vergangenheit. Das, was alle Städte gleich aussehen lässt, ist die Zerstörung. Man gibt ihnen eine Uniform.

Sie haben für die Ausstellung in Mannheim einen Teppich anfertigen lassen. Was hat es mit dem auf sich?
Der Teppich zeigt das historische, teilweise zerstörte Mannheim. Er basiert auf einer Aufnahme der deutschen Luftwaffe von 1943 mit Markierungen für den Kampfmittel-Räumdienst. Die Idee zu dem Teppich kam von einem bereits bestehenden Teppich, der das heutige Mannheim zeigt und im »Collini-Center« liegt. Er ist sozusagen der Boden, auf dem die heutige Stadt gebaut ist. Der Teppich soll aber nicht einfach herumliegen oder an einer Wand hängen: Auf meinem Mannheimer Teppich, der im zentralen Galerieraum platziert wird, finden verschiedene Workshops statt – Gespräche, Stille, Tanz und Bewegungstraining. Die Zusammenkünfte sollen einen gemeinsamen Austausch über die Erfahrung des Schmerzes ermöglichen. Damit möchte ich auf das Gefühl der Verzweiflung hinweisen, das mich bei der Wiederkehr der »Banalität des Bösen« im Politischen und der Krise in der Ökologie erfasst, für die wir alle zusammen verantwortlich sind. Damit beginnt für mich eine neue Phase des Arbeitens.

Wie sieht die aus?
Ich bin nicht religiös, aber ich interessiere mich für Mohammeds drei Stadien des Glaubens. Das erste Stadium ist, mit den Händen etwas zu verändern – also Revolution. Das können wir vergessen, damit können wir heute nichts mehr verändern. Als nächstes kommt die Veränderung mit der Zunge, also mit Worten. Das erleben wir gerade in der Kunstwelt. Protest, Kritik, aber auf eine passive Art. Für mich funktioniert das auch nicht. Es gibt so viel politische Kunst, aber sie bringt nichts. Wir sehen, wie sich die politische Landschaft dramatisch verändert und Rechte an Macht gewinnen. Die Sprache, die wir benutzen, scheint sie sogar noch stärker zu machen. Und dann die Klimakatastrophe. Die Flüchtlinge, die seit 2015 gekommen sind, haben die gesamte politische Agenda verändert und Europa in Panik versetzt. Aber das war erst der Anfang. Wenn Teile der Welt unbewohnbar werden, reden wir von 400-500 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hitze nach dem Schmelzen des letzten Eisstücks auf diesem Planeten. Und das ist bald. Die Saat der Rechten wird wachsen. Was soll politische Kunst da noch tun? Eine Weisheit von Sun Ra besagt, wir hätten das Mögliche probiert, lasst uns nun das Unmögliche versuchen. Also ist es Zeit, die nächste Phase einzuläuten.

Welche ist das?
Die Phase, die eintritt, wenn man völlig hilflos ist – und das sind wir in der Kunst. Man besinnt sich auf das Herz. Wenn der Kampf verloren ist – im Angesicht der globalen Gewalt – gibt es keinen anderen Weg, als Krankenpfleger zu werden. Im Moment machen wir rein symbolische politische Kunst. Dabei ist die nächste Stufe, in eine Zone zu kommen, in der die Kategorien links, rechts oder was auch immer nicht mehr zählen und man sich als Menschen begegnet. Ich bin nicht spirituell, und ich möchte mich auch nicht in dieses Klischee drängen lassen. Doch alles was ich bisher gemacht habe, was wir gemacht haben, scheint nicht effektiv zu sein. Alle zeitgenössische Kunst scheint rein symbolisch zu sein. Die ganzen Anstrengungen der letzten Jahre, Kunst im öffentlichen Raum, sozial engagierte Kunst, und so weiter, sind wirkungslos, denn wir sind trotzdem Zeugen schlimmster politischer Veränderungen. Da machen wir doch etwas falsch.

Sie sehen ihre eigene Arbeit auch als gescheitert an?
Ja. Ich sehe mich als gescheiterten politischen Künstler. Ich bin nicht gern pessimistisch, es ist sogar zu spät, um pessimistisch zu sein. Es geht um uns alle, nicht nur mich. Einige Politiker haben gefordert, Budgets für politische Kunst zu streichen. Ich denke, die Kunst ist dafür auch selbst verantwortlich. In der linken Szene, und dazu gehören wir ja alle in der Kunstwelt, haben wir Bücher gestapelt und stellen unsere Egos auf diese Sockel, aber wir erreichen niemanden mit dieser hyperintellektuellen Sprache. Es ist reine Selbstreferenz. Wir haben die Mehrheit der Menschen ignoriert und deshalb haben die Populisten sie erreicht, wir sehen deren Renaissance. Es frustriert mich, dass die Leute im Westen immer noch nicht kapieren, dass ein neues Zeitalter beginnt, wenn Neo-Nazis einfach am Alexanderplatz marschieren dürfen.

Warum dann überhaupt noch eine Ausstellung?
Was ich probiere ist keine Lösung, sondern ein Versuch. In der Kunsthalle Mannheim möchte ich auf dem Teppich unter dem Titel »Alchemy of Love (Mannheim)« etwas Tiefergehendes ausprobieren. Mit anderen zusammen die eigene Wahrnehmung stärken. Im Moment ist es wichtig, auf dem Bildnis einer zerstörten Stadt zu sitzen vielleicht öffnet sich das Herz. Ich weiß, das klingt sehr idealistisch und es kann mein Ende als Künstler bedeuten. Wir dürfen aber nicht weiter so tun, als sei nichts passiert. Die Umwelt und unsere Mitmenschen erfordern Empathie.

Aber dann hat man doch wieder dasselbe Problem. Das Publikum, das sich zeitgenössische Kunstausstellungen im Museum anschaut, ist meistens privilegiert und sowieso schon liberal eingestellt.
Wir arbeiten daran, auf alle möglichen Menschen in Mannheim zuzugehen. Diesmal will ich nicht nur Kunstleute da haben. Mir geht es um eine reinigende Erfahrung und darum, achtsam gegenüber zu sich selbst und anderen Körpern und der Umwelt zu sein. Das ist nichts Elitäres. Und natürlich rettet es nicht die Welt. Aber ich will diesmal wirklich alles versuchen, um diese neue Arbeit zu öffnen und nicht nur einen Sockel zu bauen.

Sie haben gerade Ihr Studio aufgegeben. Woran arbeiten Sie?
Ich habe im Irak gerade an Audioprojekten gearbeitet, mit Gruppen zusammen. Ich möchte in der Kunsthalle Mannheim einen Treffpunkt für die Konzentration, das Atmen und Zuhören schaffen. Vielleicht nennen manche Leute das »Hippie«, oder was auch immer. Ich weiß nur, dass ich mich viel echter fühle, wenn man etwas Notwendigeres macht als das, was wir im Westen als politische Kunst bezeichnen. Ich nenne das Vorhaben: »Höchst unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich.« Es ist die 0,1-prozentige Chance, dass man von diesem Albtraum aufwacht und sich zusammen für eine neue Realität entscheidet.

Jetzt klingen Sie ein bisschen, als kämen Sie aus der Wellness-Industrie und wollten eine Meditation-App verkaufen …
Nein, aber es ist gut, dass Sie das ansprechen. Natürlich ist die ganze Idee von Achtsamkeit und Fürsorge total kommerzialisiert. Unternehmen bieten Meditationskurse an, um die Arbeiterinnen und Arbeiter effizienter zu machen. Also geht es wieder um Gewinn. Das ist das Ego in Reinform, absolut rücksichtslos. Der Neoliberalismus ist ein Grund, warum die Kämpfe in unseren Straßen stattfinden. Mir geht es um Mitgefühl. Es gibt diese falsche Bild von Achtsamkeit, dass man sich um sich selbst kümmert und den anderen gegenüber gleichgültig ist. Eigentlich ist es ein westliches Model. Ich will versuchen, Gemeinschaft zu erzeugen, Menschen miteinander zu verbinden.

Gibt es Beispiele, bei denen Sie sagen: Hier hat das nächste Level der Kunst funktioniert?
Nein, bisher ist mir nichts bekannt. Ich bin ja selbst noch am Anfang. Ich würde es begrüßen, wenn jetzt erst einmal viele verschiedene Besucher, auch solche mit einer anderen politischen Orientierung als meine, in meine Ausstellung in Mannheim kommen. Ausschließen bringt doch nichts.

Sie haben eben von der »Non-Appearance« gesprochen. In der Kunstwelt wird man ziemlich schnell unsichtbar, wenn man nicht präsent ist. Wird der Künstler Hiwa K verschwinden?
Vielleicht. Ich werde nicht aufhören, zu arbeiten, aber ich weiß noch nicht, was kommt, und ob ich weiter Ausstellungen mache. Wenn man nicht ständig seine Marke pflegt, fällt man aus der Hitliste. Die Mehrheit junger Künstlerinnen und Künstler verschwendet ihre wertvollen Jahre, um diese Erscheinung des Erfolges zu pflegen. Je früher man diese Illusion erkennt, desto früher kann man sie überwinden.

Auszug aus: Interview mit Hiwa K »Ich bin ein gescheiterter politischer Künstler«, aus Monopol – Magazin für Kunst und Leben, Juli 2019

Leave a Reply

Blog der Ludwigsburger Schlossfestspiele

»Resonanz ereignet sich, wo Menschen von etwas erreicht, berührt, bewegt werden – und darauf Antwort erhalten.« Ganz im Sinne von Hartmut Rosa wollen wir auch in diesen Zeiten mit euch im Austausch bleiben und unsere Gedanken zu Kunst, Demokratie und Nachhaltigkeit nicht verstummen lassen. Mit unserem Blog laden wir euch ein, zu stöbern, zu entdecken und zu kommentieren. Wir freuen uns auf euch!

Kategorien